Der AhornTV EM-Blog: Dag Holland – Hellas Griechenland

Die Vorrunde der Fußball-EM ist vorbei. Unser Fußballexperte Johannes Burk zieht sein persönliches Zwischenfazit und blickt auf das deutsche Viertelfinale gegen Griechenland voraus.

Kaffee und Müsli statt Bier und Bratwurst – Fußball schauen mal anders

Gut zwei Jahre ist es nun her, dass die deutsche Mannschaft uns bei der WM in Südafrika mit spektakulärem Offensivfußball verwöhnte, die alten Erzrivalen England und Argentinien demütigte und erst im Halbfinale am späteren Weltmeister Spanien scheiterte. Immer wieder gerne blicke ich auf diesen Sommer zurück. Unruhig verbrachte ich die Nächte vor den deutschen Spielen, konnte kaum schlafen vor Aufregung. Eine Mischung aus Vorfreude und Anspannung begleitete mich dann immer den ganzen Tag über und ich konnte es kaum abwarten bis am Abend oder Spätnachmittag endlich der Anpfiff ertönte. Einige Zeit vor Spielbeginn trudelten dann meine Freunde ein, der Grill wurde angeschmissen und während der leckere Duft von kross gebratenen Bratwürsten und Steaks in unsere Nasen stieg wurde zur Einstimmung das ein oder andere Bierchen gekippt und über die anstehende Partie gefachsimpelt. Dann ging es ab in den Biergarten zum Public Viewing, wo sich gefühlt alle 20.000 Heusenstämmer (Heusenstamm ist meine beschauliche Heimatstadt nahe Frankfurt) zum Mitfiebern und gemeinsamen Fußballschauen versammelt hatten. Die Stimmung war großartig und alle bejubelten mit Autokorsos durch die Innenstadt die deutschen Erfolge. Nun, knapp zwei Jahre später, hat es mich nach Vancouver verschlagen und die Fußballeuphorie hält sich in Nordamerika naturgemäß eher in Grenzen. Dazu ist es ja auch noch eine Europameisterschaft, also keine amerikanischen bzw. kanadischen Teilnehmer. Immerhin werden alle Spiele im Fernsehen übertragen, so dass wir die EM gut verfolgen können. Auch die deutsche Mannschaft spielt wieder erfolgreich, hat die sogenannte Todesgruppe B mit Siegen gegen Portugal, Holland und Dänemark verlustpunktfrei als Erster abgeschlossen. Doch irgendwie hat mich das EM-Fieber noch nicht so richtig gepackt. Vor den Spielen schlafe ich immer noch unruhig und wache früh auf, was aber eher an den über mir wohnenden Kleinkindern liegt, die jeden Morgen pünktlich um sieben Uhr das ganze Haus wecken. Natürlich freue ich mich auf das Spiel und hoffe, dass die Deutschen gewinnen. Aber es ist doch ein etwas anderes Gefühl, wenn das Spiel anstatt zur besten Zeit um 20.45 Uhr um 11.45 Uhr stattfindet. Statt mit Gleichgesinnten und Freunden bei Bratwurst und Bier das Spiel zu verfolgen, quält man sich Sonntagsmorgens aus dem Bett, eigentlich noch mehr damit beschäftigt den Brummschädel vom vorherigen Abend auszukurieren, und schaut das Spiel bei Kaffee und Müsli auf seiner Couch. Keine Autokorsos, keine Flaggenmeere, keine ausgelassene Stimmung, so wie man das aus Deutschland gewohnt ist. Gewöhnungsbedürftig ist das allemal, aber dennoch drücke ich unserer Mannschaft genauso fest die Daumen wie immer.

Gastgeber und Mitfavoriten bereits gescheitert – Deutschland auf Kurs

Nichtsdestotrotz verfolge ich als Fußballbegeisterter natürlich alle Spiele und bin positiv überrascht von dem hohen Niveau, das bei dieser Endrunde abgerufen wird. Oft ist es bei großen Turnieren so, dass die Stars nach einer langen kräftezehrenden Saison nicht mehr ihr ganz hohes Level abrufen können. Die Spiele sind für die neutralen Zuschauer oft eher zäh und plätschern so vor sich hin und es fallen vergleichsweise wenig Tore. Doch bei dieser EM ist das Niveau bisher erstaunlich hoch und die Spiele werden teils von Beginn an mit offenem Visier geführt. Bestes Beispiel ist der 3:2-Sieg der Engländer gegen tapfer kämpfende Schweden. Deutschland hat mit größtenteils überzeugenden Leistungen in der schwersten Vorrundengruppe die Erwartungen erfüllt, zumindest was die Ergebnisse angeht. Doch es wäre ja nicht typisch deutsch, wenn es mal nichts zu mäkeln gäbe. Experten und Fans kritisieren, dass die Elf von Jogi Löw nicht mehr den attraktiven Fußball spielt, an den sich das Land in den letzten zwei Jahren gewöhnt hat und der mittlerweile als selbstverständlich angesehen wird. Doch man muss auch die andere Seite der Medaille sehen. Deutschland hat als einzige Mannschaft des Turniers alle ihre Vorrundenspiele gewonnen. Und das gegen Gegner wie Vize-Weltmeister Holland und Portugal um Superstar Christiano Ronaldo, die zur absoluten Weltklasse zählen. Die Gegner haben sich mittlerweile auch auf die deutsche Spielweise eingestellt und versuchen aus einer kompakten Abwehr heraus das Spiel zu gestalten und den Deutschen möglichst keinen Raum zur Entfaltung zu gewähren. Das geht natürlich zu Lasten der Attraktivität des Spiels. Daher liegt der Fokus der DFB-Elf bei dieser EM darauf, möglichst effektiv zu spielen und sich die ergebenden Torchancen eiskalt auszunutzen. Was bisher vor allem dem so oft gescholtenen Mittelstürmer Mario Gomez in eindrucksvoller Manier gelungen ist. Titelhoffnungen aufkommen lässt vor allem der Ausblick, dass mit nicht optimalen Leistungen trotzdem locker die nächste Runde erreicht werden konnte und die geschockte Konkurrenz sich fürchten muss, was denn erst passiert, wenn die deutsche Angriffsmaschinerie erst so richtig ins Rollen kommt. Es besteht also durchaus noch Luft nach oben, aber die bisher gezeigten Leistungen lassen schon erahnen, dass der Titel im Normalfall wohl nur über die Adlerträger führen wird. Hoffnungen, die unser Nachbar Holland schon nach der Vorrunde begraben muss. Neben Deutschland und Spanien als absoluter Titelfavorit angereist, musste die „Elftel“ nach drei enttäuschenden Niederlagen wieder die Heimreise antreten. Spöttische Zungen behaupten gar, dass sich der Busfahrer auf der Heimreise auf der Autobahn hat absichtlich blitzen lassen, damit man nicht gänzlich ohne Punkte heimkehrt. Auch die beiden Gastgeber Ukraine und Polen sind bereits nach der Vorrunde ausgeschieden und müssen sich von ihren Fans verabschieden. Auch die anderen Favoriten wie Spanien und Frankreich sind nicht ohne Probleme ins Viertelfinale eingezogen. Frankreich verlor sogar gegen Schweden und Spanien mühte sich zu einem Unentschieden gegen Italien und einem Last-Minute-Sieg gegen Kroatien. Deutschland machte also in der Vorrunde bisher den gefestigtsten Eindruck. Das weckt doch berechtigte Hoffnungen, dass es dieses Mal endlich mit dem so lang ersehnten Titel klappen kann.

Viertelfinale gegen Griechenland – Jung und schnell gegen alt und langsam

In der Runde der letzten Acht warten nun überraschenderweise die Griechen. Erwartet hatte man eigentlich Geheimfavorit Russland oder Gastgeber Polen. Doch die Hellenen, immer noch mit einigen Europameistern von 2004 am Start, die mit einer besseren Alt-Herren-Truppe angereist sind, besiegten die favorisierte Sbornaja im direkten Vergleich und zogen genauso überraschenderweise wie glücklich ins Viertelfinale ein. Nun kommt es zu einem Duell der Gegensätze. Auf der einen Seite die jungen wilden Deutschen, die die Spielkultur in Europa prägen wie sonst nur die Spanier. Auf der anderen Seite die alten Griechen, die sich von Runde zu Runde hangeln und hoffen müssen, dass ihr veraltetes Ultradefensivkonzept ohne erkennbare Spielstruktur den Sieg bringt. Die Deutschen erwartet nun also ein tiefstehender Gegner, der nur auf Zerstörung aus sein wird und sein Glück bei Standards suchen wird. Kopf der Mannschaft und verantwortlich für alle Standards ist Kapitän Georgios Karagounis, der aber gesperrt fehlen wird. Den Blau-Weißen wird also ihre vermeintlich stärkste Waffe im Angriff fehlen, was die ohnehin schon guten Chancen der Deutschen auf ein Weiterkommen noch verstärken sollte. Der Schlüssel zum Sieg sollte ein möglichst frühes Tor sein, denn je länger es torlos steht, desto schwieriger dürfte es werden das Abwehrbollwerk der Griechen zu knacken. Bei all der individuellen Klasse in der Offensive und der mannschaftlichen Geschlossenheit sollte es Phillip Lahm & Co jedoch gelingen, in das Halbfinale einzuziehen. Dann werde ich bestimmt auch wieder ein Siegesbierchen trinken und einmal auf den morgendlichen Kaffee verzichten können.

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1 Response to "Der AhornTV EM-Blog: Dag Holland – Hellas Griechenland"

  • Inga says:
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